Die vergessenen Themen
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Die vergessenen Themen

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Politik

Die erstaunliche Schwäche vieler Medien dabei, Themen nach ihrer tatsächlichen Bedeutung zu gewichten, ist allenfalls ökonomisch nachvollziehbar. Die Folge sind dramatische Informationslücken.

Auch nach zwanzig Jahren im Medienbetrieb ist es immer wieder erschütternd zu sehen bzw. zu lesen, mit welcher Gewichtung Leitmedien die vermeintlich Top-Themen abbilden. Wer nicht regelmäßig die hintersten Seiten einer (Online-)Zeitung aufschlägt oder auf öffentlich-rechtliche Nischenprodukte wie Arte, Phoenix und das Deutschlandradio zurückgreift, erfährt von vielen hochrelevanten Themen gar nichts bis viel zu wenig.

Nur drei Beispiele:

– Im Ostkongo sind in den vergangenen 20 Jahren nach Schätzungen der Vereinten Nationen „vier bis fünf“ Millionen Menschen gewaltsam zu Tode gekommen. Derzeit seien „8,5 Millionen Menschen, darunter 5,5 Millionen Kinder“ auf humanitäre Unterstützung angewiesen, laut Unicef droht „400.000 Kindern“ der Hungertod. Legte man bei der Nachrichtenauswahl Artikel 1 der UN-Menschenrechtscharta zu Grunde, wäre dies eindeutig das Aufmacherthema – und zwar jeden Tag!

Bezeichnenderweise geschah schon eines der zugrundeliegenden Ereignisse, der Völkermord in Ruande im Jahr 1994, unter den geschlossenen Augen der Welt(medien)öffentlichkeit. Top-Thema damals: Der Sexskandal von US-Präsident Bill Clinton. Auch der direkte Zusammenhang unserer Nachfrage nach dem Rohstoff Coltan für Smartphones und Computer mit der Situation im Herkunftsland Nr. 1 ist hierzulande weitgehend unbekannt.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Artikel 1, Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen

– In Mexiko tobt ein Drogenkrieg, der immer mehr außer Kontrolle gerät. Allein die Zahlen für 2017 sind dramatisch: Über 20.000 Menschen starben. Auch in Guatemala, Honduras, El Salvador und Nicaragua gehören Drogen- und Menschenhandel,  Schutzgelderpressung und Mord zum Alltag.

– Nordkorea beherrschte durch das Treffen von Präsident Kim mit US-Präsident Trump zwar kurz die Schlagzeilen – das menschenverachtende Lagersystem für politische Gefangene kam allerdings nur am Rande vor. Amnesty International schätzt die Zahl der Insassen auf 120.000 Männer, Frauen und Kinder.

Während man bei privaten Medien noch mit ökonomischen Zwängen im Kampf um Klicks und Quote argumentieren könnte, ist das Versagen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks besonders dramatisch. Die wenigen prominenten Sendeflächen für Auslandsberichterstattung werden nur allzu oft mit „bunten“ Themen gefüllt, die Hauptnachrichten bleiben geradezu anachronistisch auf das Inland fokussiert. Ausnahmen wie das um Vielfalt bemühte Arte Journal bestätigen die Regel.

Dabei wäre die Lösung ganz einfach: Man nehme sein potenzielles Aufmacherthema – etwa die neuste Volte einer innerparteilichen Auseinandersetzung in Deutschland – prüfe es auf seine tatsächliche Bedeutung im Sinne von Artikel 1 der UN-Menschenrechtscharta und platziere es weit, weit hinten. Dann würde vorn ein wenig Platz frei für die eine oder andere Menschheitstragödie.