Die vergessenen Themen
Foto: iStock.com/IvicaNS

Die vergessenen Themen

by author page

Politik

Die erstaunliche Schwäche vieler Medien dabei, Themen nach ihrer tatsächlichen Bedeutung zu gewichten, ist allenfalls ökonomisch nachvollziehbar. Eine Folge sind dramatische Informationslücken.

Der Artikel erschien zuerst am 01.08.2018 bei ereporter. Aktualisierte Fassung vom 13.11.2018.

Auch nach zwanzig Jahren im Medienbetrieb ist es immer wieder erschütternd zu sehen bzw. zu lesen, mit welcher Gewichtung Leitmedien die vermeintlich Top-Themen abbilden. Wer nicht regelmäßig die hintersten Seiten einer (Online-) Zeitung aufschlägt oder öffentlich-rechtliche Nischenangebote wie Arte und Phoenix verfolgt, erfährt von vielen hochrelevanten Themen gar nichts bis viel zu wenig.

Nur vier Beispiele:

– Der verheerende Krieg im Jemen, in welchem auch Kriegsgerät aus Deutschland zum Einsatz kommt, ist erst seit dem Kashoggi-Mord ein halbwegs regelmäßiges Thema in der Berichterstattung geworden. Eine gute Zusammenfassung zu unserem unsäglichen Umgang mit der größten humanitären Katastrophe unserer Zeit findet sich bei n-tv.

– Im Ostkongo sind in den vergangenen 20 Jahren nach Schätzungen der Vereinten Nationen „vier bis fünf“ Millionen Menschen gewaltsam zu Tode gekommen. Derzeit seien „8,5 Millionen Menschen, darunter 5,5 Millionen Kinder“ auf humanitäre Unterstützung angewiesen, laut Unicef droht „400.000 Kindern“ der Hungertod. Legte man bei der Nachrichtenauswahl Artikel 1 der UN-Menschenrechtscharta zu Grunde, wäre dies eindeutig ein Aufmacherthema – und zwar jeden Tag!

Bezeichnenderweise geschah schon eines der zugrundeliegenden Ereignisse, der Völkermord in Ruanda im Jahr 1994, unter den geschlossenen Augen der Welt(medien)öffentlichkeit. Top-Thema damals: Der Sexskandal von US-Präsident Bill Clinton. Auch der direkte Zusammenhang unserer Nachfrage nach dem Rohstoff Coltan für Smartphones und Computer mit der Situation im Herkunftsland Nr. 1 ist hierzulande weitgehend unbekannt.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Artikel 1, Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen

– In Mexiko tobt ein Drogenkrieg, der immer mehr außer Kontrolle gerät. Allein die Zahlen für 2017 sind dramatisch: Über 20.000 Menschen starben. Auch in Guatemala, Honduras, El Salvador und Nicaragua gehören Drogen- und Menschenhandel,  Schutzgelderpressung und Mord zum Alltag.

Nordkorea beherrschte durch das Treffen von Präsident Kim mit US-Präsident Trump zwar kurz die Schlagzeilen – das menschenverachtende Lagersystem für politische Gefangene kam allerdings nur am Rande vor. Amnesty International schätzt die Zahl der Insassen auf 120.000 Männer, Frauen und Kinder. Hinzu kommt die Mangelernährung von hunderttausenden weiteren Menschen.

Die Lösung für solche Informationslücken? Zumindest in der Theorie ganz einfach: Man nehme sein potenzielles Aufmacherthema – etwa die neuste Volte einer innerparteilichen Auseinandersetzung in Deutschland oder die „Staugefahr vor Ostern“ – prüfe es auf seine tatsächliche Bedeutung im Sinne von Artikel 1 der UN-Menschenrechtscharta und platziere es weit hinten bzw. im Papierkorb. Dann würde ein wenig Platz frei für die eine oder andere Menschheitstragödie.