KZ Hannover Stöcken Mahnmal
Mahnmal für die KZ-Außenstelle Hannover-Stöcken

Exklusiv: Journalistenpreis ehrt NS-Verbrecher

Am 22. Juni ist es wieder soweit: Am Geburtstag und zu Ehren von Herbert Quandt, der KZ-Häftlinge ohne Schutzkleidung mit Giftstoffen arbeiten und sterben ließ, nehmen Journalisten Preise im Gesamtwert von 50.000 € entgegen.

Wenige Minuten nach unserer Twitter-Meldung zum Preis ging dessen Webseite am 17.05. gegen 16:30 Uhr offline. In unserem Screencast unter diesem Artikel finden Sie alle zitierten Texte im Original.

Zu den Preisträgern beim „Herbert Quandt Medien-Preis“ zählten in den vergangenen Jahren Journalisten so gut wie aller großen Medien, darunter BR, NDR, SWR, WDR, ZDF, Spiegel, Bild, Welt, Zeit, FAZ und SZ. Die Auszeichnung wird seit 1986 jährlich von der nach Herbert Quandts dritter Ehefrau benannten Johanna-Quandt-Stiftung verliehen und ist mit insgesamt 50.000 € dotiert.

Die Preisträger und ihre Medienhäuser stören sich nicht daran, dass der Preis den Namen eines NS-Verbrechers trägt: Herbert Quandt, der spätere „BMW-Retter“, beschäftigte als Personalchef in der Akkumulatorenfabrik AG, einer Vorgängerfirma der späteren Varta, rund 1.500 KZ-Häftlinge für die Batterieproduktion in Hannover-Stöcken. Über 400 Zwangsarbeiter starben in dem firmeneigenen, in direkter Kooperation mit der SS betriebenen Konzentrationslager, viele an Bleivergiftung. „In Stöcken ist man spätestens nach 6 Monaten tot“, sagten die SS-Wachen zu Neuankömmlingen.

Herbert Quandt war als Vorstand und Personalchef der Akkumulatorenfabrik AG für die katastrophale Ernährung und Ausrüstung der Zwangsarbeiter direkt verantwortlich. Seine Firma kalkulierte gegenüber der SS mit einer „Fluktuation“, somit dem Tod, von 80 Zwangsarbeitern – jeden Monat.

In der ARD-Dokumentation „Das Schweigen der Quandts“ konnten ehemalige KZ-Häftlinge im Jahr 2007 erstmals einer größeren Öffentlichkeit berichten, wie sie in Hannover-Stöcken damals 12 Stunden täglich ohne jeden Arbeitsschutz mit tödlichen Stoffen wie Blei arbeiten mussten und hilflos den Tod ihrer Mitgefangenen erlebten. Spätere Versuche, von der Nachfolge-Firma Varta unter der Leitung von Herbert Quandt eine Entschuldigung zu erhalten, wurden brüsk abgewiesen.

Nach dem Erscheinen der vielbeachteten Dokumentation gab die Familie Quandt eine Studie bei dem Bonner Historiker Joachim Scholtyseck in Auftrag, welcher die erhobenen Vorwürfe im Jahr 2011 bestätigte. Herbert Quandts Sohn und BMW-Erbe Stefan Quandt bezeichnete die Studie als „schmerzhaft“, sah aber dennoch keine Notwendigkeit, den Preis umzubenennen oder einzustellen.

Wenn man sein Lebenswerk sieht, denke ich nach wie vor, dass man zu einem Gesamtbild kommt, das es rechtfertigt, einen Herbert Quandt Medien-Preis zu verleihen.

BMW-Erbe Stefan Quandt im Jahr 2011

Noch zum Kriegsende hatte Herbert Quandt persönlich neue Pläne für ein weiteres KZ-Außenlager entworfen. Insgesamt beschäftigten er und sein Vater Günther Quandt als zwei der einflussreichsten Unternehmer im Dritten Reich knapp 60.000 Zwangsarbeiter.

Der Vermögenszuwachs der Famile Quandt durch Arisierungen und die Ausbeutung von Arbeitssklaven war enorm und bildete die wirtschaftliche Basis für die spätere Übernahme von BMW, das heute zu großen Teilen im Besitz von Herbert Quandts Kindern Stefan Quandt und Susanne Klatten ist. Sie haben das Vermögen ihres Vaters geerbt und verdienen allein durch Dividendenzahlungen Milliarden.

Den Untergang des Dritten Reichs überstanden die Quandts schadlos: Herbert Quandt zählte auch in den Fünfzigerjahren zu den reichsten Deutschen. Er zwang eine Mitarbeiterin, für ihn unter Eid auszusagen, dass er kein Nationalsozialist gewesen sei.

Auf der Webseite der Johanna-Quandt-Stiftung für den „Herbert Quandt Medien-Preis“ ist bis heute von den angeblich hohen Idealen des Unternehmers die Rede:

Der Medien-Preis wird im Gedenken an die Persönlichkeit und das Lebenswerk des Unternehmers Dr. h.c. Herbert Quandt verliehen. (…) Das Wirken von Herbert Quandt war gekennzeichnet von seinem engagierten Bekenntnis zu freiheitlichem Unternehmertum und sozialer Marktwirtschaft. Nach seinem Wunsch sollte der Unternehmer als Mensch wahrgenommen werden, dessen Tun und Handeln sich über den ökonomischen Nutzen hinaus an der Verantwortung für die Gemeinschaft ausrichtet.

Webseite der Johanna-Quandt-Stiftung (Seite jetzt offline, siehe auch Webarchiv von 2017)

Zu den Taten des Herbert Quandt in der NS-Zeit findet sich auf der Webseite des nach ihm benannten Journalistenpreises hingegen kein einziges Wort. Auf die Scholtyseck-Studie wird nur ganz allgemein hingewiesen:

Das unter Leitung von Joachim Scholtyseck stehende Forschungsprojekt reicht von der Kaiserzeit des 19. Jahrhunderts bis zum Tode Günther Quandts in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, und schließt somit auch die unternehmerischen Anfänge Herbert Quandts mit ein.

Webseite der Johanna-Quandt-Stiftung (Seite jetzt offline, siehe auch Webarchiv von 2017)

Zahlreiche Medien schmücken sich in Mitteilungen gerne mit dem Erhalt des Preises, darunter etwa der Spiegel im Jahr 2017 oder das ZDF im Jahr 2018. 2010 hatte sich der damalige Spiegel Chefredakteur wegen der Vorwürfe noch aus der Jury zurückgezogen. Der Autor dieses Artikels hatte 2011 für das ZDF heute-journal über die erschreckenden Ergebnisse der Scholtyseck-Studie berichtet.

Am 22. Juni 2019 werden dann die nächsten 50.000 € feierlich im Namen des NS-Verbrechers Herbert Quandt an Journalisten aus Deutschlands bekanntesten Medienhäusern vergeben.

Diese Recherche hat Ihnen gefallen? Werden Sie Mitglied bei ereporter.

Screencast der Seite https://www.johanna-quandt-stiftung.de/medien-preis vom 15.05.2019