China: Mord auf Bestellung

Warum sind in China die Wartezeiten auf eine passende Leber, Niere oder ein Herz für die Transplantation sehr viel kürzer als im Rest der Welt? Wieso können manche Eingriffe auf den Tag genau vorausgeplant werden? Experten und Parlamentarier sehen nur eine Möglichkeit: Hunderttausendfachen Mord auf Bestellung.

Aktualisierte Fassung vom 02.06.2020

Stellen Sie sich vor, es findet ein in seiner Monstrosität und Größenordnung nur als Genozid zu bezeichnendes Menschheitsverbrechen statt. Seit über 20 Jahren, Tag für Tag bis heute, mit nach manchen Schätzungen um die 1,5 Millionen Todesopfern. Auf dem Staatsgebiet einer aufstrebenden Weltmacht und unter den weitgehend geschlossenen Augen der Welt, auch der Bundesregierung. Schwer zu glauben? In der Tat. Doch das waren der Völkermord an den Armeniern, der Holocaust und der Genozid in Ruanda für viele Zeitzeugen anfangs auch. Und die Belege sind erdrückend.

Bereits im Jahr 2005 gab es erste Berichte, wonach in China seit Ende der Neunzigerjahre nicht nur die Organe von hingerichteten Strafgefangenen für Transplantationen entnommen werden, sondern darüber hinaus tausende Insassen von Arbeitslagern, hauptsächlich Glaubensgefangene der staatlich verfolgten Falun-Gong Meditationspraktik sowie Uiguren, als „lebender Organpool“ verwendet werden: Routinemäßig prüfen Ärzte ihre Eignung als Spender, damit sie bei entsprechender Nachfrage kurzfristig in einem nahegelegenen Krankenhaus bei lebendigem Leib ausgeweidet und ermordet werden können.

Die chinesische Regierung wies dies stets zurück, bis der Direktor des chinesischen Komitees für Organspende und ehemalige Vize-Gesundheitsminister Huang Jiefu im Jahr 2010 einräumte, dass mehr als 90 % der toten Spendern entnommenen transplantierten Organe von in China hingerichteten Gefangenen stammen würden.

Das Europäische Parlament bekundet seine tiefe Besorgnis angesichts der anhaltenden und glaubwürdigen Berichte über systematische, vom Staat gebilligte Organentnahmen an Gefangenen aus Gewissengründen in der Volksrepublik China, die ohne Einwilligung der Betroffenen erfolgen.

Entschließung des Europäischen Parlaments zu Organentnahmen in China

Das überraschende Eingeständnis der chinesischen Regierung, die Organe von „hingerichteten Gefangenen“ zu verwenden, verbunden mit der Ankündigung, diese Praxis bis zum Jahr 2015 durch ein Spenderregister nach westlichem Vorbild ersetzen zu wollen, kann als geglücktes Ablenkungsmanöver betrachtet werden: Die ohnehin spärliche Medienberichterstattung über das Thema fokussierte sich fortan hierauf und der von Huang Jiefu keineswegs entkräftete Vorwurf des „Mords auf Bestellung“ an zum Zeitpunkt der Anforderung ihrer Organe noch lebenden Opfern in Arbeitslagern geriet aus dem Blick.

Vorwürfe von Menschenrechtsgruppen, wonach den Hingerichteten Leber, Herz oder Nieren oft ohne vorherige Zustimmung und ohne Information an die Angehörigen entnommen werden, hatte die Regierung stets zurückgewiesen. 

„China beendet Organentnahme bei Hingerichteten“ – Der Spiegel

Seit dem Jahr 2015 sollten laut Chinesischer Regierung keine Organe von Hingerichteten mehr verwendet werden. Ein entsprechendes Gesetz wurde allerdings nie erlassen. Später hieß es, auch Todeskandidaten könnten sich „freiwillig“ im neuen Spenderregister anmelden. Wie absurd die Idee tausender freiwilliger Organspender vor dem Hintergrund überlieferter kultureller Vorstellungen in China ist, hatte schon das EU-Parlament in seiner Resolution festgehalten.

Doch wirkten auch bekannte Mediziner aus dem Westen bereitwillig am Aufbau der Fassade eines vermeintlich modernen Spenderregisters in China mit, darunter ausgerechnet der frühere Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft.

Einer der höchsten deutschen Transplantations-Funktionäre, operiert jetzt ausgerechnet in China. An einer Klinik, wo viele Jahre lang Organe von Hingerichteten transplantiert worden sind.

„Eingeschränkte Moral“ – Süddeutsche Zeitung

Mit der offiziellen Transplantations-Statistik in China gibt es ein Problem, das man auch von zahlreichen anderen Statistiken aus der Volksrepublik kennt: Sie ist vollständig gefälscht. Die Zahlen sind bereits in sich nicht stimmig.

A variety of evidence points to what the authors believe can only be plausibly explained by systematic falsification and manipulation of official organ transplant datasets in China.

BMC Medical Ethics

Insbesondere die auch im Jahr 2020 absurd kurzen Wartezeiten von wenigen Wochen oder nur Tagen auf passende Organe – in der Coronakrise konnten für einen Patienten etwa in Rekordzeit gleich zwei Lungenflügel mit dem richtigen Gewebetyp aufgetrieben und transplantiert werden – im Vergleich zur im Rest der Welt viele Monate bis Jahre dauernden Zeitspanne, sind starke Hinweise auf einen „Organpool“ aus noch lebenden Menschen, für welche die „Bestellung“ eines ihrer Organe für einen Empfänger mit identischem Gewebetyp den sicheren Tod bedeutet.

The official Chinese claim of 10,000 transplants a year, with some years higher, bring the official total transplant volume to date to 150,000 to 200,000 transplants since the persecution of Falun Gong began. This number far exceeds all NGO estimates of death penalty numbers. There is no other plausible explanation for the sourcing of this number of organs than the killing of Falun Gong (and to a lesser extent, the killing of Uyghurs, Tibetans and House Christians) for their organs. Our update shows that the actual number of transplants is far larger than the official figures, in the order of hundreds of thousands larger.

BLOODY HARVEST / THE SLAUGHTER Update von Staatssekretär Kilgour u.a.

Neben zahlreichen Zeugenaussagen über verdächtige Untersuchungen in Arbeitslagern und im Falle der Uiguren sogar für alle Angehörigen dieser Minderheit, gibt es auch telefonische Eingeständnisse beteiligter Ärzte gegenüber verdeckten Rechercheuren, die sich als Patienten ausgaben: Ja, die Organe seien von gesunden, jungen Falun Gong Anhängern und die Entnahme erfolge natürlich noch vor Todeseintritt, um besonders gute Resultate zu erzielen. Im Klartext: Die „Spender“ werden bei lebendigem Leibe auf dem OP-Tisch ihrer Organe beraubt und dabei zu Tode operiert.

Dokumentarfilm „Hard To Believe“

Bis heute liegt die von Experten anhand der Klinikbetten und Eigenwerbung der Krankenhäuser geschätzte Zahl der Transplantationen um ein Vielfaches höher als die offizielle Zahl. Die chinesische Regierung bleibt eine Erklärung schuldig, woher all diese Organe kommen sollen.

Nachprüfbare Informationen zur Herkunft der Organe hat die chinesische Regierung trotz wiederholter Aufforderung auch durch die Bundesregierung bislang nicht zur Verfügung gestellt.

Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage im Parlament
US-Journalist Ethan Gutmann

David Li (China Organ Harvest Research Center) legte dar, dass nach Recherchen seiner Organisation in China mit dem Zweck des Organraubs staatlich organisiert getötet werde. Opfer seien vor allem Anhänger der Falun Gong-Bewegung. (…) Es gebe ein „stream without a source“, also ein Angebot an Organen, für das China keine glaubwürdige Quelle benennen könne.

Menschenrechtsausschuss des Deutschen Bundestages

The China Tribunal, chaired by Sir Geoffrey Nice QC, who was a prosecutor at the international criminal tribunal for the former Yugoslavia, said in a unanimous determination at the end of its hearings it was “certain that Falun Gong as a source – probably the principal source – of organs for forced organ harvesting”.

China is harvesting organs from detainees – The GuardianChina Tribunal Judgment
Investigative Dokumentation von Chosun TV, Südkorea

Nur wenige Länder wie Taiwan, Israel und Spanien haben explizite Gesetze gegen den Organtourismus erlassen. Angesichts der Größenordnung dieses nun schon seit mindestens 20 Jahren stattfindenden Verbrechens gegen die Menschlichkeit mit wahrscheinlich hunderttausenden Opfern stellen sich allerdings auch an Politiker, Unternehmen, Mediziner und Medien in Deutschland zahlreiche unangenehme Fragen.

So produziert etwa Volkswagen in einem Joint Venture mit dem chinesischen Konzern Saic in der Provinz Xinjiang rund 50.000 Fahrzeuge pro Jahr. Der Vertrag war im Jahr 2012 im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel unterzeichnet worden. In Xinjiang befinden sich die berüchtigten „Umerziehungslager“ für Uiguren.

Das Ausmaß des „Organ-Tourismus“ von Deutschen, die sich in China eine neue Leber oder ein Herz von einem eigens hierfür ermordeten Uiguren oder Falun-Gong Praktizierenden einsetzen lassen, ist der Bundesregierung laut ihrer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage nicht bekannt.

Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse darüber vor, ob Deutsche nach China zur Transplantation reisen. (…) Die Bundesregierung hat die Vorwürfe des Organraubs gegenüber der chinesischen Regierung wiederholt thematisiert, zuletzt unter anderem im Rahmen des universellen Staatenüberprüfungsverfahrens im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf im Herbst 2018. Sie wird darin nicht nachlassen.

Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage im Parlament

Europäer fahren nach China und kommen mit neuen Organen zurück. Sie tragen in sich, was Menschen bei lebendigem Leib entnommen wurde.

Ethan Gutmann in der Wiener Zeitung

Weitere Informationen zum Thema:

China-Tribunal (Deutschlandfunk)

Human Harvest – Dokumentarfilm

The Slaughter: Sachbuch

SENATE OF THE UNITED STATES – S. RES. 274

Studien mit Organen von Hingerichteten (Spiegel Online)

Tod auf Bestellung (Süddeutsche Zeitung)

Ärzte gegen den Organraub